Das Australisch-deutsche Produzentenduo „Rregula & Dementia“ hat sein zweites Album „Turning Point“ im Kasten und auf Citrus Recordings veröffentlicht. Aus diesem Grund schauten wir via Skype bei dem in Deutschland lebenden Dementia in Hannover vorbei und stellten ihm ein paar Fragen zum neuen Album und seiner musikalischen Vergangenheit.

Rouven Fehr aka Dementia redet gerne, dementsprechend viel, hält konventionelle Frage-Antwort-Interviews für überbewertet und hegt eine große Faszination für groben Unfug. Beste Voraussetzung für ein sehr angenehmes Gespräch, bei dem ich 90 Minuten lang an den Skype-Lippen des Hannoveraners hänge und den Anekdoten, dem Szene-Gossip und den sehr ausführlichen Informationen zum neuen Album lausche. In nur drei Monaten haben Ross und Rouven aka Rregula & Dementia an ihrem zweiten Album „Turning Point“ gearbeitet, das am 10. März bei Citrus Recordings erschienen ist. Bei dem Gespräch wird sehr schnell klar, dass Dementia sich selbst nicht zu ernst nimmt, dem Leben und auch seiner Arbeit als Musiker immer mit einem Augenzwinkern begegnet und sich jeder Kritik schon im Vorfeld bewusst ist, um ihr dann mit einer Idee Selbstironie den Wind aus den Segeln zu nehmen. Er weiß genau, was er tut und warum er es tut. So ist er sich den Stärken von „Turning Point“ ebenso bewusst wie den Schwächen und scheut sich nicht, beide auch sehr ehrlich und offen zu kommunizieren. „Ich bin sehr zufrieden mit der Produktion des Albums, das muss ich gestehen. Die Tracklist gefällt mir allerdings nur bedingt, da einfach zu viele Remixe drauf sind und wenn man es ganz puristisch machen möchte, gehören die meiner Meinung nicht aufs Album. Aber vom Label kam da eine ganz klare Ansage, dass die mit drauf müssen. Ich bin andererseits aber auch sehr froh, so gute Remixe mit auf dem Album zu haben.“ Dennoch büßt „Turning Point“ auf diesem Wege etwas von dem konzeptuellen Anspruch ein, den jeder Kritiker einem Album so gerne zugrunde legen möchte. Doch abseits der Remix-Thematik ist Dementia auch vollkommen zurecht stolz auf den Longplayer, der 15 Tracks an einen soundästhetischen roten Faden hängt, nicht zu straff, um den ein oder anderen Neurofunk-fremden Haken zu schlagen und das Album als solches zu rechtfertigen.

Cineastisch startet „Turning Point“ im „Intro“ mit einem bedrohlichen, aber gleichzeitig auch geheimnisvoll wohltuenden Soundscape. Exotisches Vogelgezwitscher wirkt wie kleine Kinder im Horrorfilm aufgrund der Deplatzierung verstörend und unheimlich. Wer Rregula & Dementia kennt, weiß um ihre Hingabe zum eher zornigen Sound, der keine Kompromisse zulässt, lieber bei Gewitter draußen und bei Sonnenschein im Keller spielen geht. Man ahnt was kommt: Progressiver Neurofunk. Er ist die gemeinsame Leidenschaft von Rregula und Dementia und die dunkle Spielart des Drum & Bass brachte die beiden in 2006 zusammen, als sie zeitgleich ihr jeweils erstes Release bei dem damals noch existierenden Shadybrain Records aus Berlin verzeichnen konnten. Sie remixten sich daraufhin gegenseitig, lernten sich nicht nur musikalisch, sondern auch persönlich schätzen und produzierten von da an gemeinsam Tracks für Labels wie DSCI4, Basswerk oder Disturbed. 2011 kam ihr erstes Album „Echoes From The Future“ auf Trust In Music heraus. Tatsächlich fühle sich „Turning Point“ für Rouven aber wie ein Debütwerk an. „Unser erstes Album war eigentlich nur ein Sammelsurium aus bis dato unveröffentlichten Tracks von uns, die wir auch gar nicht zwangsläufig zusammen geschrieben hatten. Also so ein bisschen das Ed Rush & Optical-Prinzip, die ja auch nicht alles gemeinsam schreiben. Bei `Turning Point´ war das anders. Jeder Track wurde ganz bewusst im Hinblick auf das Album gemeinsam produziert. Und da wir ein homogenes Soundbild erschaffen wollten, unterwarfen wir uns von vornherein einem sehr straffen Zeitplan von drei Monaten, da bei keinem Track der Eindruck entstehen sollte, er könnte auch vor zwei Jahren entstanden sein, wie das bei `Echoes From The Future´ noch der Fall war. Deshalb würde ich sagen, dass `Turning Point´ durchaus als Erstlingswerk zu sehen ist. Zumindest fühlt es sich so an.“

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Die matt klirrenden Bleeps und gleißenden Synthies des ersten Tracks „Insects Inside“
lassen einen kurzzeitig in den New Wave der 80er Jahre abschweifen, bevor knarzende Basslines und angespitzte Drum-Patterns das Neurofunk-Ruder übernehmen und den typischen Rregula & Dementia Sound freigeben. Ein Sound, der technisch so klar ausproduziert ist, dass er trotz treibender Fülle und Voluminösität regelrecht locker und luftig wirkt, jedem Klang-Partikel seinen Platz gibt und entfalten lässt. Auf dieser technisch-ästhetischen Ebene ist es den beiden sehr gut gelungen, die einzelnen Tracks logisch zu verknüpfen, in einen Gesamtzusammenhang zu setzen und so die angestrebte Homogenität zu erreichen, während sie stilistisch über ihren Trademark-Tellerrand schauen. So ist z.B. „Fallin“ ein eher zurückgezogen melancholischer Track mit Hymnen-Charakter, der über den Gesang von Sarah Pelicano und der sanft wabernden Bassline der Seele zu schmeicheln vermag, und „Joy and Sorrow“ ft. Cain Mos glänzt im Antlitz der funkelnden, leicht Trash-behafteten Arpeggios und des sich so seltsam fremdartig, aber gleichzeitig stimmig anfühlenden E-Gitarren Riffs. „Dedication“ ft. MC Marvelous geht sogar noch einen gehörigen Schritt weiter. Es ist ein sanft dahinmarschierender Liquid-Oldschool-Tune mit Reggae-, Dub- und Jungle-Referenzen, wie ihn The Green Man oder Marky hätten produzieren können. Nur die eher harschen Drums erinnern noch an Rregula & Dementia. „Also man muss ja eins zugeben: Der Tune ist fast schon empörend kitschig. Es war aber auch unsere Intention, einen Track zu schreiben, der überhaupt nicht reinpasst. Ich habe damals diese „LK“-Zeit extrem gefeiert und diesen Stil wollten wir aufgreifen. Außerdem haben wir auch einen pädagogischen Auftrag und es wäre ja furchtbar, wenn Rregula & Dementia nur mit Zombies und Fabelwesen übelster Sorte assoziiert werden würden. (lacht) Aber ganz davon ab war einer der Hauptbeweggründe – das Album zu produzieren – ein Facettenreichtum zu präsentieren.“

Ross und Rouven bringen sehr verschiedene Einflüsse mit. Ross kommt aus Australien, produziert als Solokünstler funky trippelnden bis breitbeinig extrovertierten Glitch-Hop und spielt Gitarre in einer Heavy Metal Band. Rouven lebt in Hannover, liebt fluffigen Oldschool-Breakbeat und hat einen Hang dazu, funktionalen Elektro zu produzieren. Letztere Leidenschaft brachte ihm sogar eine Goldene Schallplatte für das Album „Atzen Music Vol. 2“ von den in subkulturellen Kreisen eher mit Verachtung gestraften Die Atzen ein. Doch der tadelnde Realness-Zeigefinger bleibt einem bei einer Person wie Rouven sofort im Hosentaschenhalse stecken. „Das hatte damals einfach gepasst. Ich habe ja nie gedacht, cool, Die Atzen sind genau mein Ding. Aber die Leute dahinter waren einfach super cool und sehr herzlich. Zu dieser Zeit produzierte ich sowieso fröhlich Elektro-Beats und dann ergab sich das und ich blicke sehr positiv darauf zurück.“ Da ist es dann wieder, das Augenzwinkern, das schon bei „Dedication“ nicht zu übersehen war. Und würde „Klamauk“ irgendwo auf einem Leuchtschild stehen, Rouven wäre sicherlich schon da und würde einen Sound dazu kreieren, bevor man es hätte aussprechen können. „Das passt einfach zu meinem Wesen. Bei Klamauk bin ich immer dabei.“

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Foto: Daniel Zakharov

Doch kann Klamauk nur in der Nachbarschaft von Struktur und Konzept gedeihen und insofern ist „Turning Point“ alles andere als Unfug, sondern ein richtig gutes Drum & Bass-Album, das den „Balanceakt zwischen Dancefloor, den Interessen des Labels, den Interessen der Hörer und deinen eigenen Interessen“ sehr gut meistert. Und bei allem Facettenreichtum wird auch der typische Rregula & Dementia-Sound mit fantastisch düsteren Tracks wie „Melt“ ft. MC Kryptomedic, „Timeline“ oder dem verschachtelt brutalen Titeltrack „Turning Point“ bedient, der sich zeitgeistig umgesetzt und weiterentwickelt wiedermal in die Herzen dropt.

„Turning Point“ ist am 10. März bei Citrus Recordings erschienen.